Studiengang Drehbuch - Abteilung VI - Lehrstuhl Creative Writing
Doris Dörrie über das Schreiben:
"Wir haben in Deutschland ein nationales Schreibhandikap, weil wir im Grunde zutiefst davon überzeugt sind, dass man schreiben nicht lernen kann. Entweder man fällt als Goethe vom Himmel auf deutschen Boden - oder man sollte es doch besser gleich bleiben lassen. So ergibt das ständige Gejammere, es gäbe bei uns keine Autoren, natürlich Sinn.
Die Amerikaner haben mit ihrem schrecklichen Optimismus, dass man alles schaffen kann, auch vor dem Schreiben nicht Halt gemacht. Schon lange vor der Erfindung des "creative writing" (Im Unterschied zu was? Auch Einkaufszettel schreiben kann kreativ sein. Muss nicht.) gab es dort eine Vorstellung, dass man allein durch Schreiben schreiben lernen kann. Eine viel pragmatischere und nicht in Ehrfurcht erstarrte Haltung dem Schreiben gegenüber.
Zu allererst ist Schreiben Handwerk. Üben. Weiterschreiben. Sitzenbleiben. Ob es dann Kunst ist, stellt sich viel viel später heraus. Das ist mein Hauptziel in der Arbeit mit dem Studenten: Schreiben als Handwerk aufzufassen und dadurch auch die Angst davor zu verlieren.
Gleichzeitig die Erörterung der Frage: Was will ich eigentlich erzählen? Und warum? Diese scheinbar harmlosen Fragen können einen leicht um den Verstand bringen, denn nichts ist schwieriger zu beantworten. Darin liegt mein Hauptspaß in der Arbeit mit den Studenten: sich wie ein Maulwurf immer tiefer in diese beiden Fragen hineinzubaggern, ausgerüstet mit guter Technik und gutem Werkzeug.
Zusammen auf diese Expedition zu gehen, was könnte schöner sein? Manchmal laufen wir in unseren Seminaren allerdings auch über glühende Kohlen - aber das ist eine andere Geschichte."